Seit mehr als 100 Jahren arbeiten Menschen im Sozialstaat. Es ist ein imposantes Gebäude entstanden, unter dessen Dach Millionen Menschen arbeiten und noch mehr Menschen Hilfe zuteil wird:

Der Sozialstaat ist eine Bedingung für eine menschenwürdige Gesellschaft. Wer früher allein auf Mildherzigkeit angewiesen war – im Alter, bei Krankheit, Arbeitslosigkeit, Unfall, Pflegebedürftigkeit und Behinderung -, dem stehen heute nicht Almosen, sondern gesetzliche recht zur Verfügung.

Aber ist das schon alles? Das Leben kennt immer mindesten einen Fall mehr, als sich selbst ein perfekter Gesetzgeber ausdenken kann.

Der gesetzliche Sozialstaat bedarf der Ergänzung durch spontane freiwillige Hilfe. Freiwilligkeit ist jedoch nicht nur Lückenbüßer für einen unvollkommenen Sozialstaat. Freiwillig helfen ist doppelt helfen. Ohne soziales Gesinnung wird es in jeder Gesellschaft sehr kalt. Solidarität darf nicht nur dem Staat überlassen werden. Nächstenliebe ist keine Behördenangelegenheit. Die Behinderten bedürfen nicht nur der Paragraphen, auf die sich stützen können. Gefragt ist Rücksichtnahme. Was wäre das für eine Gesellschaft, in der niemand mehr auf den anderen Rücksicht nimmt. Die Menschen würden in der Eiswüste der Egoismus erfrieren. Egoismus ist anstrengend, denn der Egoist muss unaufhörlich kalkulieren, was ihm was bringt. Kein Handschlag ohne Berechnung. Lebensfreude wäre aus einer solchen Gesellschaft verbannt. Es gibt auch niemanden auf der Welt, der nur stark ist und nicht irgendwann auch auf andere angewiesen ist. Der Mensch ist als Solist lebensunfähig. Wir kommen schwach zur Welt und bleiben es in irgendeiner Hinsicht en Leben lang. Irgendwie sind wir alle an einer Stelle unserer Existenz behindert. Nur manche wissen es nicht.

Wer ist eigentlich behindert? Der Behinderte oder einer, der einem Behinderten nicht helfen will? Dem einen fehlt vielleicht ein Arm, dem anderer aber ein Herz, das ihn zur Herzlichkeit befähigt.

Den Behinderten helfen ist keine Einbahnstrasse. Hilfe ist eine Form der Lebenserfüllung. Wer anderen hilft, wird nicht ärmer, sondern reicher an beglückender Lebenserfahrung, und die lässt sich nicht in Mark und Pfennig ausrechnen. Es gibt Millionäre, die sehr arm sind, weil sie ein sinnloses Leben führen.

Die Patientenstiftung für Menschen mit Körperbehinderung ist ein handfestes Angebot von Hilfe. Nächstenliebe ist immer handfest, und eine handvoll konkreter Hilfen ist besser als ein sackvoll allgemeiner theoretischen Erklärungen.

Norbert Blüm, MdB
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, a. D.